Top-Thema vom Mittwoch, 8. Februar 2012

Athens Euro-Austritt kein Tabu mehr

 

Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Neelie Kroes, hat am Dienstag den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone für vertretbar erklärt. Damit spricht sie aus, was viele europäische Politiker inzwischen wünschen, meinen einige Kommentatoren. Andere nehmen Griechenland in Schutz vor den Konstruktionsfehlern des Euro.


Il Sole 24 Ore - Italien

Neelie Kroes hat ausgesprochen, was viele denken, meint die Wirtschaftszeitung Il Sole 24: "Hinter den Worten der Kommissions-Vizepräsidentin Neelie Kroes verbirgt sich eine offenkundige Unduldsamkeit gegenüber dem Verhalten Griechenlands. Vor allem die Niederlande, vielleicht mehr noch als Deutschland und Finnland, liebäugeln mit der Idee, Athen seinem Schicksal zu überlassen. Die Stellungnahme der EU-Kommissarin ist nicht länger der Versuch, Druck auf die Regierung Papademos auszuüben. In einigen europäischen Kreisen hat die Verbitterung einen Qualitätssprung erfahren. Das Vertrauen in Griechenlands Politiker ist erschöpft. Es wird befürchtet, dass sich mit den Neuwahlen im April die Situation in dem Schuldenland nicht verbessern, sondern verschlechtern wird." (08.02.2012)


To Vima Online - Griechenland

Die Gespräche mit den Gläubigern und der Troika sollte Athen sofort stoppen und Plan B mit den US-Amerikanern vorbereiten, meint die linksliberale Online-Zeitung To Vima: "Nach dem extremen Druck der letzten zwei Tage und der Idee eines 'Sonderkontos', gibt es da überhaupt noch jemanden in Griechenland, der glaubt, dass die Wörter 'Rettung' und 'Solidarität' irgendeine Verbindung haben zu dem, was von Athen - mit der Pistole auf der Brust - verlangt wird? ... Griechenland hat immer noch die Kraft, alles in die Luft zu sprengen. Und das ist der einzige Weg, der bleibt. Was wird danach passieren? Nachdem das Land durch die Hölle gegangen sein wird - was es ohnehin nicht mehr vermeiden kann -, werden dieselben Leute, die das Land jetzt erpressen und in den Abgrund führen, zurückkommen und weiterverhandeln. … Die einzige Aufgabe der griechischen Regierung wäre jetzt noch, Sondermechanismen vorzubereiten, um die Tage des großen Schocks zu bewältigen. Sie muss sich an andere internationale Akteure wenden wie die USA, die übrigens die ganze Zeit geschwiegen haben." (08.02.2012)


De Volkskrant - Niederlande

Auch wenn EU-Kommissarin Neelie Kroes und der niederländische Premier Mark Rutte offen über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone spekulieren, bleibt der Bankrott Griechenlands riskant, warnt die linksliberale Tageszeitung De Volkskrant: "In den nördlichen Ländern wird die Euro-Krise als eine Frage der Haushaltsdisziplin dargestellt, aber ein Problemland wie Spanien hat sich immer ordentlich an die Regeln gehalten. Das fundamentale Problem der Euro-Zone ist der enorme Unterschied in der Produktivität zwischen nördlichen und südlichen Ländern. Griechenland ist ein Extremfall, aber auch Spanien und Portugal werden große Mühe haben, ihre Wirtschaft auf nordeuropäisches Niveau zu bringen. ... Dieser Konstruktionsfehler des Euro macht Nordeuropa mitverantwortlich für die Krise. Von Griechenland wird zurecht gefordert, rigoroser als bisher Ordnung zu schaffen. Aber man darf auch von Nordeuropa Solidarität erwarten. Den Preis der Krise darf man nicht einseitig den Griechen aufbürden."(08.02.2012)


Pravda - Slowakei

Europa setzt die Griechen zu stark unter Druck, meint die linke Tageszeitung Pravda und warnt vor einer sozialen Explosion, die den ganzen Kontinent erschüttern könnte: "Es ist unglaublich, welches Bild der europäischen Öffentlichkeit von den Griechen präsentiert wird. Die Nachrichten über die Verhandlungen der Athener Regierung mit den Gläubigern werden stets von Kommentaren, Politikern und Investoren begleitet, die sich unzufrieden über die Fortschritte äußern. Die Phrasen sind immer die gleichen: Athen kommt nicht voran, die Reformen reichen nicht aus. Sehr viel weniger erfährt man darüber, wie hart die Kürzungen bei Gehältern und Renten schon sind, wie die öffentlichen Ausgaben und auch die Schulden schon zurückgefahren wurden. Das eigentliche Problem sind die unrealistischen Erwartungen der Autoren des 'Gesundungsprogramms'. Einsparungen allein führen nicht zu einem neuen Wachstum, könnten aber die sozial schwierige Situation eskalieren lassen." (08.02.2012)


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